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Junge wir können so heiß sein - Westfalens Musik überwältigt die Republik

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Stadtteilfest in Hagend-Wehringhausen 1979

Manchmal können auch ältere Herren ziemlich heiß sein. Zumindest im Nachhinein betrachtet. Als Dieter Thomas Heck 1982 die Hitparade moderierte, war er ein Mann in den besten Jahren. Ich erlebte zufällig am Bildschirm, wie Heck, den wir eher als Spießer betrachteten, live eine Absage vortrug.
Die kam von einer Band, die in dieser Zeit zum Kreis meiner musikalischen Favoriten zählte. Sie sang von brennenden Schulen und adressierte äußerst eindeutige Wünsche an ein Mädchen namens Annemarie. Wünsche, die wir in unserer Heimat – der norddeutschen Tiefebene – nur nach mehreren Flaschen Bier laut mitsangen. Die Sprache und die treibende Musik, das zog uns in den Bann. Es klang nach Freiheit und Großstadt, grenzenlosen Möglichkeiten und Zukunft. Es klang nach allem, was wir nicht hatten und wonach wir uns sehnten. Niemand aus meinem Umfeld wusste, wo Hagen liegt.

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Nenas Gesellenstück

Die Musik schien uns auf den Leib geschneidert. Annette Humpe mischte mit ihrer Band Ideal Berlin auf und sah auch noch gut aus. „Blaue Augen“ zählte zum Feten-Standard. Alles war politisch. Nie wäre ich darauf gekommen, dass die Quelle dieser explosiven Kreativität in Westfalen sprudelte. In dieser räumlichen Verdichtung liegt etwas Einmaliges, dem nachzuspüren sich lohnt. Woher kam die ganze Kraft, was ist von ihr geblieben?

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Räumung Hausbestzung Haenelstrasse

Schließlich: Die Coolness, mit der Dieter-Thomas Heck den Text der „Breiten“ verlas, nötigt noch heute Respekt ab. Die akzeptierte der Showmaster ohne Wenn und Aber. Eine gute Nachricht, denke ich noch heute. Denn in den Dunstkreis des deutschen Schlagers gehören sie auch nicht.

- Jost Lübben, Chefredakteur Westfalenpost

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Extrabreit photographiert von Jim Rakete

Der Hagener Kai Havaii (61), der im wirklichen Leben Kay Schlasse heißt, hat ein wildes Leben gelebt und trug mit seinem atemlos-treibenden Gesangsstil dazu bei, dass die Hagener Band Extrabreit in den 80er Jahren einer der erfolgreichsten deutschen Acts wurde. Der Musiker, Autor und Zeichner blickt zurück in die Zeit des Garagenpunk, in der junge Menschen die Welt noch retten wollten.

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"Extrabeit vor dem Gericht"

War die Neue Deutsche Welle stilbildend bzw. ist von ihr etwas übrig geblieben?

KAI HAVAII: Ich denke, diese Zeit brachte eine vorher unbekannte Vielfalt in die deutsche Musikwelt und hat so auch den Boden bereitet für aktuelle Genres wie Techno, Deutschpunk oder Hip Hop. Es gab Elektronisch-Minimalistisches wie DAF, Experimentelles wie Einstürzende Neubauten, Deutschpunk wie von Extrabreit oder anspruchsvollen Pop wie von Ideal und Nena. Und mit Falco – der ja auch in diese Zeitschiene gehört - nahm auch der deutschsprachige Rap seinen Anfang.

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Lange Haare, schnelle Gedanken

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit mit "Extrabreit" in Hagen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre?

Sehr positive. Damals als 20-Jähriger dachte man, alles geht. Es war eine kreative, aufgeregte Zeit, in der man immer nach vorne geblickt hat.

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Schiefer Blick

War es Zufall, dass Hagen Mittelpunkt dieser Musik wurde?

Das mit dem „Mittelpunkt“ ist gewiss etwas übertrieben. Aber es stimmt schon, dass die Stadt damals ein paar „magische“ Jahre hatte. Tatsächlich schossen in den feuchten Kellern Hagens Bands wie Pilze aus dem Boden – mit Musikern, von denen nicht nur ein paar sehr erfolgreich wurden. Es waren Bands, die von unten kamen, die sich in spielerischer, freier ­Atmosphäre entwickelten. Hinzu kam, dass es dort „Macher“ wie (späterer Chef des Musikunternehmens BMG) Hartwig Masuch und (VIVA-Mitbegründer) Jörg Hoppe gab, die gute Kontakte zu Plattenfirmen oder Talent für Öffentlichkeitsarbeit hatten.

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Wochenmarkt auf dem Wilhelmsplatz Hagen

Was hat diese deutschsprachige Variante des Punk ausgelöst? Was hat Sie persönlich getrieben?

Ende der 70er herrschte eine besondere kulturelle Atmosphäre: Man wollte sich von allem Angloamerikanischen abnabeln. Da spielten die Spannungen im Kalten Krieg eine Rolle. Der Amerika-kritische Konsens führte dazu, dass man begann, sich mit Deutschland zu beschäftigen, mit deutschen Filmen etc. Das passte alles zusammen. Natürlich ist die NDW vom englisch-amerikanischem Punk und New Wave beeinflusst worden, aber es war entscheidend, deutsch zu singen.

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Schreien

Wie politisch war die Musik wirklich?

Entsprechend dem damaligen kritischen Zeitgeist. Das gehörte zur Musik dazu. Unser Lied „Polizisten“ wurde gern bei Demos gespielt. Das hatte eine ganz praktische Funktion.


(Zu hören: Extrabreit - "Polizisten" / Universal Music Deutschland 1998)

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Schlangen seien ja wieder "in"

Was wollten Sie damals mit ihren Liedern, Texten und Zeichnungen bewirken?

Ich wollte das Alltagsgefühl der linken Sponti-Szene, eigentlich überhaupt das der
Etwas-aus-der-Art-Geschlagene, Unangepasste transportieren. Das war politisch, aber immer mit Humor und Selbstironie.

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Gitarren-Riff

Wie fühlt es sich an, 2018 mit Extrabreit aufzutreten?

Exzellent. Das Live-Geschäft läuft prima und wir erleben immer noch Highlights wie unseren Auftritt beim Heavy-Metal-Festival in Wacken. Eine wunderbare Erfahrung, wir waren total geflasht. Für mich ist es immer noch ein großes Vergnügen. Wir waren immer eine Band, die live erst so richtig atmet.

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Extrabreit mit Hildegard Knef

Wie würden Sie Ihren Roman „Hart wie Marmelade“ einem Jugendlichen schmackhaft machen?

Wenn du über 18 bist, lies es! Wenn nicht – Finger weg!

- Mit Kai Havaii sprach Rudi Pistilli

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Stefan Kleinkrieg vor dem Gebäude, das ehemals "Bei Rainer" beherberte.

Die Spinnwebe wackelt. Seit Jahrzehnten dröhnte von hier aus kein Ton durch das Fenster. Heute erstmals wieder. Längst nicht so laut wie damals, aber es ist just einer jener Songs, mit dem das westfälische Musikwunder begann.

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1981 - Demo Hausbestzung Haenelstrasse

„Die Alptraumstadt, in der ich lebe, da wo die Menschen sich nicht trau´n“
singt Stefan Kleinkrieg, Gitarrist und Gründungsmitglied der Band Extrabreit, „mal außer der Reihe, ihre Zukunft zu bau´n.“ Er lehnt auf dem Fenstersims in der ehemaligen Kneipe „Bei Rainer“ in Hagen. Es hallt, die Räume stehen leer. Schon ewig. Früher war „Bei Rainer“ vibrierender Szenetreff der Typen mit Träumen, die keine Träumer bleiben wollten; der „mover and shaker“, wie manche die jungen kreativen Hasardeure heute in Berlin nennen. Hagen war kurzzeitig Berlin.

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Stefan Kleinkrieg spiel "Alptraumstadt" in den ehemaligen Räumlichkeiten der "Bei Rainer"
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1981 - Jugendfete im Jugendzentrum Mitte mit Band

In der rotzigen Ironie ihrer Texte fanden sich Jugendliche von Bremerhaven bis Augsburg wieder. Auch sie suchten eine neue Zukunft.
Der Soundtrack dazu kam von der Volme.Von hier aus wurde das Lebensgefühl einer Generation in Musik gegossen, die gelangweilt war von der faden Lebenswelt grauer, Tauben-überfüllter, Auto-optimierter Städte der jungen 1980-er. Der Extrabreit-Song „Alptraumstadt“ fasst das zusammen: „Die Alkohol- und Jugendsünder,
die Buß- und Bettel-Litanei, die Polizei und ihre Kinder, wir woll’n doch alle friedlich sein!“

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1981 - Rock im Felsengarten

Die jungen kreativen Hagener Hasardeure aber sagten sich damals: „Gerade jetzt! Gerade
hier!“ Und es klappte. Extrabreits erster Charterfolg hieß „Polizisten“, er liefert das Gemälde eines westdeutschen
Ordnungshüters, eine Psychoanalyse der Staatsmacht. „Meine Eltern waren entsetzt von unseren Songs“, sagt Kleinkrieg.
Nato-Doppelbeschluss, Anti-Atomkraftbewegung, Erstarken der Rechten. Es war eine politisch hitzige Zeit. Eine Zeit wie heute.

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Stefan Kleinkrieg mit Akkustikgitarre im ehemaligen Ladenlokal "Bei Rainer".

„Mittlerweile verkaufen wir keine Musik, sondern Zeit.“ Damit sind auch Erinnerungen gemeint. Lateinisch steht auf seinem Unterarm tätowiert: Sic transit gloria mundi, so vergeht der Glanz der Welt. Wirklich? Neulich spielte Extrabreit das beim Hardrock-Festival in Wacken vor über 10 000 Fans, ein neuer Song kam kürzlich raus. Da geht also vielleicht wieder was. So wie in der Kneipenbrache „Bei Rainer“. Es gibt aktuell mehrere Ideen für das Gebäude. Es könnte vielleicht sogar wieder ein Treff werden, um Musik zu machen, Kunst auszustellen, Bier zu trinken.

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1982 - Konzert im Volmepark

Die Wilden von damals sollen kommen und die Wilden von heute. Zurück in die Zukunft. Warum nicht? Die Stadt hat bewiesen, dass sie glänzen kann. Dann ist „Bei Rainer“ endlich auch die Spinnwebe weg.

- von Kajo Fritz

(der gesamte Text ist unter wp.de lesbar.)



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Jürgen Breuer im Gespräch

Ende der 70er Jahre gab es auch in Hagen eine lebhafte Spontiszene. Jürgen Breuer erinnert sich an die Zeit der Kommunarden, der Rebellion und der Träume.

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Jürgen Breuer vor der Buscheystraße, Hausnummer 52a, wo er einst in einer WG lebte.

Sie tranken keinen Jasmin-Tee, hielten Sex für die normalste Sache der Welt, diskutierten lange, aber niemals nonstop: Die Kommunarden aus der Buscheystraße im Hagener Ortsteil Wehringhausen hatten nie die Absicht, wie ihre 68er-Vorgänger aus der Berliner Kommune 1 Popstars zu werden. „Nichts lag uns ferner“, berichtet Jürgen Breuer, Chef des Hagener Kulturzentrums Pelmke. „Wir wollten einfach nur für eine bessere Gesellschaft kämpfen und dabei Spaß haben.“ Dieses politisch einfach mal loslegen, Party machen, was Neues wagen, ohne auf Applaus zu warten, genau diese Stimmung habe 1978 auch zur Geburtsstunde der Neuen Deutschen Welle geführt.

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Hagener Innenstadt Ende der 1970er

Der 62-Jährige erinnert sich gern an die Zeit in der WG, Hausnummer 52a, an die Raufasertapete, die durch riesige Che-Guevara- und Frida-Kahlo-Poster und Atomkraft-Nein-Danke-Plakate kaum zu erkennen war. Ganz nebenbei erwähnt er, dass in einem Zimmer sogar ein Fernseher gestanden habe. „Hätte es damals die Lindenstraße gegeben, wir hätten sie geguckt.“

(Fast wie so schön wie die Lindenstraße - Ein Bild der Hagener Innenstadt Ende der 1970er Jahre)

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Die Hagener Innenstadt um Ende der 1970er Jahre.

20 Jahre hat Breuer in der WG gelebt. „Meistens waren wir zu siebt.“ Mit dabei war der 2009 verstorbene Hagener Künstler Werner Rappaport. „Wohnraum war günstig. 700 DM für 180 Quadratmeter“, erzählt der Pelmke-Chef. „Wer in Hagen politisch aktiv sein wollte, der zog nach Wehringhausen.“ Breuer und Co. strebten danach, alles anders zu machen als ihre Eltern, „eben ein anderes Leben ohne Hierarchien und Patriarchat“.

(So zeigte sich das Leben im Zentrum Hagens - ein Gegensatz zu den Vorstellungen der Kommunarden in Wehringhausen.)

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Jürgen Breuer spricht auf einer Kundgebung

Wer sich in Wehringhausen – im Volksmund damals "Wehrdichhausen" genannt – umhört, der erfährt, wie rege das Kneipenleben der Kommunarden in den 70er und 80er Jahren war. Dort sollten die Stützpfeiler eingeschlagen werden, um die Gesellschaft zu verändern, dort sollte das System gekippt werden. „Wir träumten vom sozialistischem Gesellschaftsbild, von der unabdingbaren Solidarität für Nicaragua und fairen Handelsbeziehungen mit der Dritten Welt“, fügt Breuer hinzu.

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Jürgen Breuer während des Gesprächs mit Rudi Pistilli

 40 Jahre später blickt Breuer nicht mit Wehmut zurück. Einiges, sagt er, sei geblieben. So wie der kollektiv geführte Buchladen „Quadrux“ in Wehringhausen, der Titel der alternativen Szene anbietet. Sie warten, nicht weit entfernt von Harry-Potter-Bänden, auf Käufer. Auch das Kulturzentrum Pelmke, das die Kunst von unten fördert, stehe dafür. Ebenso, dass sich in Wehringhausen die Grünen in Hagen gegründet haben. „Der politisch alternative Geist ist hier immer noch lebendig“, so der 62-Jährige. Nur von den damals angestrebten großen politischen Zielen sei nicht viel übrig geblieben.

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Jürgen Becker über die NDW

Dass Hagen das Zentrum der Neuen Deutschen Welle war, dem kann Breuer nicht ganz folgen: „Inga und Annette Humpe stammen aus Herdecke, die politische Band Fehlfarben aus Düsseldorf und Ideal aus West-Berlin.“ Extrabreit? „Ja!“ Nena? „Na ja, sie gehörte nie richtig dazu, weder zur Polit-, noch zur Kulturszene.“ Und Grobschnitt? „Die spielten Bombastic-Rock.“ Breuer lenkt den Blick lieber auf die vielen unbekannten Bands, die wie „No Names“ Punk und Turnschuh-Rock zum Besten gaben und auch zur Musikrichtung gehörten.

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Stadtteilfest in Wehringhausen 1979

„Die Mitglieder der Wohngemeinschaft aus 52a gehörten zu den undogmatischen Linken“, ­informiert der Hagener. „Keine ­Demo ohne uns, lautete das Motto. Immer wieder auf dem Weg, um den Schnellen Brüter in Kalkar kalt zu stellen, immer wohlbehütet von der Polizei.“ Breuer ruft sich auch das Wehringhauser Stadtteilfest 1980 ins Gedächtnis, als ­Kommunarden an einem Stand Hanf-Kekse verkauften. Keiner ­habe es geahnt. „Alle lauschten den Liedern von Extrabreit und Co.“

- von Rudi Pistilli



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Musikerin Inga Humpe

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Die Band "Grobschnitt" bei einer Autogrammstunde in Hagen 1976

Als die Neue Deutsche Welle richtig losrollte, waren Sie schon eine Weile weg aus Hagen. Was haben Sie denn überhaupt von der Aufbruchsstimmung mitbekommen?

Inga Humpe: Ich kann da nur von meiner Teenagerzeit berichten. Ich habe in Herdecke gelebt, bin aber in Hagen zur Schule gegangen, und hier hatte ich auch erste Erlebnisse in der Musikszene. Es war wahnsinnig aufregend, bei einem „Grobschnitt“-Konzert zu sein oder zum ersten Mal draußen im Volkspark Gitarre zu spielen. Ich hatte damals einen Freund, Axel Kölpin, der hatte eine Band namens Sweet Poison. Die traten in Schulen auf und auf vielen kleinen Bühnen. Da habe ich auch mitbekommen, wie man probt und war erstmals in einem Musikerumfeld.

(Auf dem Bild zu sehen: "Grobschnitt" während einer Autogrammstunde in Hagen)

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Landete 1976 ebenfalls das erste Mal in Berlin: Eine Concord der Air France.

Aber Sie wollten nach dem Abitur möglichst schnell weg?

Ich bin 1975 zum Studium nach Aachen, Komparatistik und Kunstgeschichte. Das war mehr so ein Zufall, ich hatte da Freunde. Es war aber dann etwas schwierig an einer technischen Uni. Deshalb bin ich 1976 nach Berlin.

(Landete 1976 ebenfalls das erste Mal in Berlin: Eine Concord der Air France.)

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Ein Supermarket in der Hagender Innenstadt Ende der 1970er Jahre.

Wie blicken Sie heute auf Hagen und die damalige Zeit?

Es war gelebte Provinz. Das kann man gut oder schlecht finden. Ich habe eine gewisse Abgeschlossenheit empfunden, als wäre man in einem Gewächshaus. Da ist alles sehr intensiv und es entsteht etwas in einem kleinen, geschlossenen Raum. Es gibt wohl eine spezielle Qualität, die sich aus der Langeweile in der Provinz entwickelt.

Weil man raus will?

Das ist wahrscheinlich bei vielen Musikern so gewesen. Die wenigsten US-Musiker stammen ursprünglich aus New York oder Los Angeles. Viele kommen zum Beispiel aus Detroit, der alten Stadt der Autoindustrie. Wenn nicht alles verfügbar ist wie in den Metropolen, muss man selbst etwas unternehmen, was einem da raushilft.

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Hausbesetzer in der Hagener Bismarckstraße - 1981

Da war auch viel Wut. Lag das bei Ihnen am Alter oder an der Umgebung?

Man darf die Zeit nicht vergessen. Damals herrschte an anderer Ton an den Schulen. Das Feindbild war deutlich. Die Eltern und die Lehrer konnten einem nicht weiterhelfen. Die Wut war ein Motor, darunter aber lag die Ohnmacht.

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Heute ist bei Ihnen davon so gar nichts mehr zu spüren, so entspannt und positiv wie ihre Musik wirkt.

Ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, mich zu entwickeln. Heute singe ich lieber über positive Dinge. Ich will den Leuten nicht sagen, dass alles Scheiße ist, weil ich das auch nicht so empfinde.

"36 Grad" von 2RAUMWOHNUNG aus dem Jahr 2007
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Zwischen den Gleisen des Hagener Hauptbahnhofs soll man nicht aussteigen.

Wie haben Sie denn in den späten 70ern und frühen 80ern von Berlin aus auf Hagen geschaut?

Ich habe schon verfolgt, was sich getan hat. Nena und viele andere waren ja auch in Berlin. Ich habe heute noch Kontakt zu einigen Hagenern, zum Beispiel Jörg Hoppe oder Hartwig Masuch.
[Anmerkung der Redaktion: Beide waren Manager von Extrabreit. Hoppe ist heute Musik- und TV-Produzent, Masuch Chef der Musikfirma BMG.]

Sind Sie heute noch manchmal in der Region?

Seit meine Eltern nicht mehr leben, gar nicht. Das Haus ist auch verkauft. Manchmal fahre ich mit dem Zug von Berlin nach Köln über Hagen und fotografiere das Schild „Hier bitte nicht aussteigen“ mit „Hagen Hbf“ im Hintergrund. Das ist so ein Standard-Scherz.

Auch auf Konzerttourneen ist die alte Heimat keine Station?

Zuletzt habe ich, glaube ich, 1979 in Hagen gespielt, im Piccadilly. Dortmund steht hin und wieder auf dem Plan, zuletzt waren wir bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen.

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2Raumwohnung sind Inga Humpe und Tommi Eckart.

In diesem Jahr sind sie für Ihre Songtexte mit dem Fred Jay Preis ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen das?
Darüber habe ich mich schon sehr gefreut. In Deutschland gibt es ja nur zwei Preise für das Genre, und es ist schön, einen zu haben. Ich bin überhaupt froh, wenn die Menschen auf die Texte achten. Es ist schon mein Anspruch, dass die länger als zwei, drei Jahre halten. 2020 wird es zum 20-jährigen Bestehen von 2raumwohnung auch ein Buch mit den Texten geben.

Deutsche Texte waren prägend für die NDW.

Kam Ihnen das entgegen? Ich habe auch viel auf Englisch gemacht, und fand Deutsch erst nach dem Mauerfall wieder interessant, als die Musik sehr elektronisch wurde und man deutsch singen konnte, ohne beim Schlager zu landen.

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2raumwohnung-Konzert in Hamburg 2013

Die NDW war anders?

Aus der NDW wurde später Schlager. Manche finden das okay, aber ich bin nicht so ein Fan davon.

- Mit Inga Humpe sprach Harald Ries


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Reiner Hänsch von "Zoff" vor etwas, das er in "Sauerland" beschreibt: Kühe.

Nicht nur in seiner Heimat. Auch 35 Jahre danach ist die „Sauerland“-Hymne nicht nur auf Partys – und nicht nur im Land der 1000 Berge – präsent. Vom Ballermann bis zur Zugspitze und vom Goldstrand bis zum Nordseestrand wird der Song gefeiert. Hänsch traf mit seinem Ohrwurm zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle das Lebensgefühl der Menschen.

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Für "Sauerland"-Dichter Reiner Hänsch prägender als die NDW, Wolfang Niedecken von BAP, Nina Hagen und Udo Lindenberg.

Zoff wird bis heute in einem Atemzug mit der Neuen Deutschen Welle genannt. Aber hat sich die Band überhaupt dieser Musik-Bewegung zugehörig gefühlt? Reiner Hänsch muss schmunzeln: „Ich gebe gern zu, dass wir von der Welle ein wenig mitgetragen wurden“, sagt er, „aber richtig darauf gesurft haben wir nie.“ Man habe einfach nur deutsche Rock-Songs geschrieben – wie etwa Udo Lindenberg, BAP oder Klaus Lage: „Die hatten mit der Neuen Deutschen Welle auch nichts zu tun.“ Hänsch ist ein alter Hase im Musikgeschäft.

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Im Hintergrund sieht man eine Luftaufnahme von Letmathe im Vordergrund die Single von 1983.

Nach vielen Jahren in einer Werbeagentur demonstriert er seine ungebrochene Kreativität als Komponist, Musikproduzent und Buchautor.
Für ihn begann die Neue Deutsche Welle „sehr interessant“ als deutschsprachige Variante von Punk und Wave im Untergrund. Es sei eine aufregende Zeit gewesen, in der viele Bands gegründet wurden, die es anders machen und die Musikszene aufmischen wollten.

„Diese Aufbruchstimmung hielt sich bei der späteren Neuen Deutschen Welle leider nicht“, findet der gebürtige Letmather: „Sie endete jämmerlich mit peinlichen, leider erfolgreichen Quatsch-Songs wie ,Tretboot in Seenot’ oder ,Hohe Berge’.“ Am Ende, so das Fazit des Sauerländers mit Wohnsitzen am Jadebusen und auf Ibiza, sei „so viel unerträglicher Schrott produziert“ worden.

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Eine der kommerziell erfolgreichsten Protagonisten der NDW: Nena während eines Auftritts in Köln in den 1980er Jahren.

Verantwortlich für diese Entwicklung war aus seiner Sicht die Musikindustrie. „Sie hat die eigentliche Neue Deutsche Welle schamlos kommerzialisiert.“ Von den Plattenfirmen sei damals an Interpreten die unmissverständliche Aufforderung gekommen, „auf Teufel komm raus“ deutsch zu singen. Damit habe der Abstieg der Musik-Bewegung begonnen. Reiner Hänsch: „Richtig deutsch texten kann eben nicht jeder. Aber gute Texte zu schreiben, war dabei ja auch gar nicht das Ziel. Und so wurde es immer blöder.“ Bis heute übrig geblieben seien die Leute, die richtige Musik mit echten Texten gemacht haben und immer noch machen.

Eine der kommerziell erfolgreichsten Protagonistinnen der Neuen Deutschen Welle: Nena während eines Auftritts in Köln in den 1980er Jahren.

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Aufbruchstimmung auch in Hagen: Eine Rockgruppe aus Vorhalle - 1981

Bei aller Kritik an den Auswüchsen am Ende der Neuen Deutschen Welle: Reiner Hänsch erkennt auch Positives. „Vielleicht, dass deutschsprachige Rockmusik danach durchaus möglich und normal war.“ Man dürfe aber nicht vergessen, dass Sänger wie Udo Lindenberg und Nina Hagen die Pioniere der deutschsprachigen Rockmusik waren und die Neue Deutsche Welle erst möglich gemacht haben: „Nach ihnen war Deutsch plötzlich eine singbare Sprache.“

Wie gesagt, es herrschte Aufbruchstimmung in den 80er Jahren. Auch im Sauerland: „Diese Zeit mit dieser neuen deutschen Musik hat die Sauerländer natürlich genauso mitgerissen wie alle jungen Leute im Rest der Republik.“ Endlich sei deutsch gesungen worden, endlich habe man die Texte verstanden und habe lauthals und voller Überzeugung mitsingen können: „Die einen sangen lieber die Texte der einen Band und andere die einer anderen. Denn es gab ja endlich eigene, selbstgemachte Musik und nicht nur die nachgespielten Hits der großen englischen und amerikanischen Vorbilder.“

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Die Lenne fließt durch das Sauerland.

Auch auf selbstgemachte Musik wie die „Sauerland“-Hymne hatten die Menschen offenbar gewartet. Plötzlich spielte „Zoff“ in proppevollen Hallen vor bis zu 3000 Konzertbesuchern. „Die Luft war zum Schneiden und die Stimmung unfassbar gut. Das hat uns echt umgehauen“, sagt Reiner Hänsch.

Der 65-Jährige hatte selbst nicht mit dem Erfolg von „Sauerland“ gerechnet. „Wir sind damals regelrecht überrannt worden.“ Und was war das Erfolgsgeheimnis? Reiner Hänsch möchte sich nicht auf die eigene Schulter klopfen. Aber: „Die Melodie bleibt im Ohr, der Refrain ist einprägsam, und der robuste, freche, lustige und selbstironische Text hat das Wir-Gefühl einer ganzen Region gestärkt.“ Schließlich sei „Sauerland“ die erste selbstbewusste Hymne an eine bis dahin „wenig beachtete und unterschätzte Region und ihre Menschen“ gewesen – und das alles in Rock: „Das war neu, und das hat die Menschen stolz gemacht, selbstbewusster und hat sie damit vielleicht auch ein wenig verändert.“

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Trecker-Tour ins Sauerland.

Reiner Hänsch ist sich sicher, dass sein Evergreen dem Sauerland enorm geholfen hat, ­bekannter zu werden. Er hat einen zeitlosens Hit mit allgemeingültigem Inhalt geschrieben. Nicht nur für Sauerländer, wie er findet: „Auch anderswo sitzen Menschen auf einem ­Trecker oder feiern gerne. Viele Menschen erkennen sich wieder.“

- von Rolf Hansmann

(ein Interview mit Reiner Hänsch lesen Sie
unter: wp.de/heiss-sein)


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